Der Brocken
Eine Silbe, sieben Buchstaben, doch ein ganzes Wort, das die Zunge über den Gaumen springen lässt, bevor der ganze Mund in einem Zischlaut vibriert: Fleisch! Als wenn man ein Stück auf den Grill
warf und dabei zusah, wie es garte, dabei den neu entstandenen Duft einatmete, so Leben spendend. Bernhard liebte das Wort Fleisch genauso wie sein materielles Pendant, brachte es doch ohne
Umschweife oder Ablenkung auf den Punkt, wofür ein Mensch geboren war. Er bestand aus Fleisch, er wollte Fleisch. Ergänzt von zwei Wörtern, die mit ihren fünfgliedrigen Einsilben weit konkretere
Erinnerungen wachriefen. Das waren die Wurst und das Steak. Beides auf dem Grill, am liebsten jeden Tag im Sommer, auch im Herbst, ach, wann auch immer. Und das Beste daran, Fleisch war sich
selbst genug, brauchte keine Soßen, keine Beilagen, kein Gemüse, um zu schmecken. Es war der König unter den Speisen, der Kaiser der Ernährung.
Bernhard aß Fleisch bereits sein Leben lang, wollte es nicht anders, die Zähne geschärft, die Zunge wässrig, immer bereit. Seine Eltern und Großeltern brachten es ihm so bei, ohne dass sie je
entschieden hätten, etwas anderes nicht essen zu wollen. Fleisch gehörte in die Familie wie in viele deutsche Familien. Hätten sie denn wissen sollen, dass der liebe Junge, kaum dass er dem
Elternhaus entwachsen war und nun an der Universität studierte, mit radikalen Gedanken konfrontiert werden würde. So etwas hätte es in ihren Zeiten nicht gegeben, in den Siebziger, Sechziger oder
früheren Jahren, und bei Adje erst recht nicht. Doch was wusste die Familie schon, Bernhard war der erste von ihnen, der sich anschickte zu studieren, alles Gute im Bereich
Wirtschaftswissenschaften. Für die Zukunft.
Das Fleisch, so wusste er, gehörte in des Volkes Schlund, also gab man es ihm. Also würde es Bernhard den Menschen geben, mit einer großen Handelskette von Schlachtereien, verteilt über das ganze
Land. Die größte Fleischmacht wollte er werden, das war der Plan. Fleischmogul sein, der Wurstmeister, die himmlische Schlachtplatte. Bis Bernhard eines Tages während der Pause in der Mensa die
Linsensuppe mit der Wursteinlage kaufte. Es war ein besonders dürftiger Tag, kein Schnitzel, nicht einmal das obligatorische Hühnerfrikassee war zu erblicken, da waren nur die Wurst und die
Suppe, die zumindest, das musste er zugeben, schmackhaft roch. Linsensuppe gab es auch zu Hause gerne, dann aber angereichert mit Kassler, Speck und viel mehr Wurst. In der Mensa blieb ihm nur
Letzteres, wenigstens das. Später würde er sein mickriges Budget für ein Menü bei einem FastFood-Restaurant aufbrauchen müssen, aber wenigstens wäre dann sein Bedarf am täglichen Fleisch
gedeckt.
Der Spießrutenlauf während der Mittagszeit war mit leerem Magen nur schwer zu bewältigen, ohne Freunde als Helfer und Aufpasser umso schwieriger. Bernhard war neu hier, im ersten Semester, und er
war bereits froh zu wissen, wo sein nächstes Seminar stattfand. Geschweige denn, den Kopiershop zu finden, um benötigte Blätter auszudrucken. Er lächelte schwerfällig, den ganzen Tag, auch wenn
er sich nicht danach fühlte, und manchmal lächelte jemand zurück. Doch die meiste Zeit war er so einsam, wie sein Lächeln wirkte.
Auch in dieser Pause lächelte er, als er endlich seinen von einer ältlichen, rotgesichtigen Frau befüllten Teller auf dem Tablett hatte, die Wurst noch heiß genug, dass ihr magerer Duft in seine
Nase stieg. Eine kleine Beruhigung, gleich würde er sie beißen und kauen, gleich würde er das Innere dieser Pelle knacken. Die Linsensuppe war nur Beiwerk, vielleicht konnte er sich später eine
zweite Wurst holen. Wenn es nicht allzu voll war, würde er es versuchen. Vielleicht holte er sich heute Abend lieber ein fertiges Schnitzel aus dem Kühlregal und sparte das Geld für einen
FastFood-Besuch am Wochenende. Dann würde es aber ein ganz stattliches Menü geben, das war sicher. Und am Sonntag würde er bei seinen Großeltern speisen. Dieser winzige Lichtblick ließ sein
Lächeln nicht ganz so hölzern wirken, als er dort so verloren in der Masse stand. Gleich würden endlich Fleischbissen seinen Hals runterpurzeln.
Doch zunächst zahlte er, was auf dem Tablett war, ein Glas dunkle Limonade dazu. Dann bahnte er sich einen Weg durch die Studentenmassen auf der Suche nach einem freien Platz, den er schließlich
zwischen zwei recht dünnen Männlein fand. Als er saß, schaute er wie beiläufig auf die Teller der anderen, die er von hier aus sehen konnte. Niemand aß die Suppe, niemand hatte vielleicht eine
Wurst übriggelassen, die Bernhard sich hätte erfragen können. Alle mampften die vegane Bolognese oder das Gemüsefrikassee. Diese dünnen Männlein, deren Oberschenkel wahrscheinlich so dick waren
wie Bernhards Oberarme.
Scheiß drauf, dachte er dann und konzentrierte sich endlich, endlich auf das Essen, auf das Abbeißen und das Kauen, auf das Knacken der Pelle, auf die Innereien. Es war ein spärliches Mahl, die
Linsensuppe schmeckte ihm nicht, auch nicht, nachdem er Salz drauf gegeben hatte. Und schon war nur noch ein Viertel der Wurst übrig. Er schaute sich um, ob ihn jemand beobachtete, aber alle
waren nur mit sich selbst beschäftigt. Also schlang er das letzte Stück ganz in seinen Mund, biss und kaute, wartete einen Moment länger, bis er es schluckte, was ihm im Nachhinein betrachtet in
seine Misere führte.
Bernhard verschluckte sich nämlich am vorletzten Stück, das am Loch zur Speiseröhre vorbei weiter nach hinten rutschte. Ein weiteres Stück steckte ihm noch im Mund, als das andere, das er davor
abgebissen hatte und halb zerkaut, ihm schließlich auf der falschen Öffnung den Atem nahm. Gierig versuchte er, Luft in seine Lungen zu saugen, was ihm nicht gelang und zu verstopftem Husten
führte. Dabei spuckte Bernhard Speichel und ein schäbig feuchtes Stück Wurst vor sich in die Suppe, die über den Tellerrand spritzte. Noch in diesem Augenblick fand er die Zeit und Kraft, sich zu
schämen.
Endlich wurden die anderen auf ihn aufmerksam, wachten auf aus ihrer Trance, generiert von Handys, dem Essen und seltsam belanglosen Gesprächen. Spätestens jetzt, als dieser etwas dickliche
Erstsemester vom Stuhl aufsprang und seinen Kopf japsend nach oben hob, um endlich zu atmen, war er auch zum Mittelpunkt geworden. Immer mehr Studenten hielten in ihren Handlungen inne, blieben
stehen oder hörten auf zu kauen, um die kleine Tragödie zu betrachten, an der sie Anteil haben durften, weil das Campus-Leben so eintönig war. Bernhards Hals schmerzte, Schweiß lief ihm über das
Gesicht und ihm wurde heiß und heißer. Er hustete krampfhaft, aber das Stück Wurst löste sich nicht, verstopfte sein Leben. Gleich würde er umfallen und seinen letzten, unwichtigen Gedanken
haben. Bernhards Augen schwollen an, wollten aus ihren Höhlen platzen. Nutzlos zuckten seine Arme am Körper hinab, waren wie Fremdkörper, die nicht einmal die Hände zum Hals führen konnten.