Initiation


Wie blätterloser Efeu rankten durchsichtige, schlanke Schläuche um ihre Wangen. Zwei davon mündeten in Öffnungen, die in ihre Nase reichten. Die Blässe in ihrem Gesicht machte sie dünner, hagerer. Stefans Mutter war eine hochgewachsene, drahtige Person gewesen, deren Energie sich in zackigen Bewegungen äußerte, aber jetzt war ihr Kartenhaus aus Haut und Knochen eingefallen. Sie war bei Bewusstsein, als er ihr Krankenbett besuchte. Die fast gänzlich ergrauten Haare lagen wie ein vertrockneter Strohhaufen um ihren Kopf. Nie hatte sie verletzlicher gewirkt, wie eine Hexe, die ihrer Kräfte beraubt worden war. Unnatürlich mechanische Geräusche von Geräten, die sie am Leben hielten, erfüllten den Raum. So unpassend zu dem Gefühl, das Stefan empfinden sollte.
Als er seine Mutter von der Tür aus erblickt hatte, steckte er bereits in einem emotionslosen Vakuum. Kein Kummer, kein Mitleid, keine Bestürzung. Nichts davon. Heute Morgen holte ihn Martha aus einer Sitzung mit den Junior-Chefs. Das war ärgerlich gewesen. Ein Anruf auf Leitung Vier. Ein Arzt, dessen Namen er vergaß, kaum dass er ihn vernommen hatte, teilte ihm mit, seine Mutter war mit Verdacht auf schwerem Herzinfarkt eingeliefert worden. Während des Telefonats starrte er aus dem wandhohen Fenster, das ihm einen Blick über die Innenstadt hinaus in den Osten Hamburgs gewährte. Nicht sein Büro. Zum wiederholten Mal zählte er die fünf Kirchtürme, um sich zu vergewissern. In der obersten Etage war er heute nur zu Besuch, aber eines Tages würde er bleiben. Daran dachte er, als er auflegte. Und dann hoffte er, dass diese Unterbrechung der Sitzung nicht zu seinem Nachteil reichte. Ein längst verdrängtes Pflichtgefühl ließ ihn den Nachmittag freinehmen.
Erst vor fünf Tagen hatte seine Mutter ihn angerufen, wie üblich an einem Sonntag. Wie üblich viel zu früh für Leute wie ihn. In ihrer ebenso üblich aggressiv bittenden Art sagte sie, was sie immer sagte: „Kommst du heute endlich mit, Stefan? Du warst schon so lange nicht mehr da. Sie vermissen dich, das weißt du doch. Betest du noch?“
Jede Woche dasselbe, ab heute nicht mehr. Heute dachte Stefan wieder an Gott, aber es war zu spät. Oder es war ihm gleichgültig. Schwerfällig öffnete seine Mutter ihre Augen und schaute zu ihm hinauf. Ihr linker Arm, in dem eine Kanüle steckte, hob sich wie die letzte Botschaft aus einem Sarg, die Hand zu einer bittenden Geste geöffnet. Stefan sollte sie in seine Hand nehmen, ihr die Wärme des Lebendigen geben. Er wollte es nicht und tat es trotzdem. Ihre Hand war kalt, die Haut so rau.
Seine Mutter öffnete ihren faltigen, alten Mund, die Lippen zitterten, dann sagte sie kein Wort, sondern schmatzte, als würde sie einen Bonbon lutschen. Stefan nahm einen Plastikbecher vom Nachttisch neben ihrem Bett und hielt ihn so an ihren Mund, dass sie trinken konnte. Immer langsam, ein kleiner Schluck nach dem anderen. Als sie genug hatte, grunzte sie leise. Stefan stellte den Becher zurück.
In ihre eisblauen Augen kehrte Leben zurück. Sie schaute ihn nun aufmerksam an, als wollte sie ihn gleich tadeln, so wie sie es früher oft getan hatte, als er noch bei ihr gewohnt hatte, als Kind, als Jugendlicher. Kaum war er achtzehn geworden, zog er aus, in seine erste WG. Um sein Zimmer zu finanzieren, arbeitete er im Lager eines Supermarkts. Das Prestige des Jobs war ihm damals noch gleichgültig gewesen, bloß weg von der Hexe.
Schon wieder dachte er dieses Wort, dabei wusste er es besser. Sie war keine Hexe. Dieser Vergleich hätte sie zutiefst verletzt, dieses Lämmchen Gottes. Ihr Leben hatte sie für ein gestaltlose Wesen gegeben, kaum dass ihr Mann, Stefans Vater, verstorben war. Ein Autounfall zerquetschte den massigen Körper. Sie stellte sich zugeknöpft und voll traurigem Eifer in den Dienst von Jesus, von Gott und später dann von der Gralsbotschaft. Jetzt war sie kaum mehr als der Schatten ihres Selbst, verkommen durch ein Leben, das sie so vielen anderen gewidmet hatte, außer sich selbst und ihrem eigenen Sohn.
Als Kind sah er sich nurmehr am Küchentisch sitzen, wenn er versuchte sich zu erinnern. Jetzt wollte er es nicht, doch die Bilder, diese Gefühle ereilten ihn trotzdem. Je stärker er sich wehrte, umso hartnäckiger waren die Erinnerungen. Seine Beine waren noch zu kurz gewesen, um den Boden zu berühren. Wie er auf den Stuhl gekommen war, erinnerte er nicht mehr. Seine Mutter hatte ihm nicht hoch geholfen, sie war nicht zuhause. Er starrte auf einen leeren Teller und abwechselnd auf eine Obstschale, in der zwei braun gewordene Bananen lagen. Er hätte aufstehen können, zum Kühlschrank gehen, überprüfen, ob noch Milch da war, sich dann Müsli in eine Schale füllen. Er hätte auf die Anrichte klettern können, um die oberen Schränke zu erreichen. Ein Abenteuer, das nach ihm rief. Aber er rührte sich nicht, sondern starrte vor sich hin. Seine Mutter würde bald kommen, jeden Moment, da war er sich sicher. Aber sie kam erst am nächsten Morgen und fand einen in Tränen aufgelösten Jungen vor, der Unverständliches brabbelte und sich vor ihren Augen in die Hose pinkelte.
Stefan schnaufte, als er die Hand seiner Mutter losließ. Sie hatte ihn allein gelassen. Wieder und wieder. Am Küchentisch, in seinem Zimmer, in der Schule, wo auch immer.
Was hattest du davon, hätte er am liebsten gefragt. Ehrenämter, Wohltätigkeiten, Selbsthilfe-Gruppen. Die Träne, die sich in seinem rechten Auge sammelte, wischte er fort, bevor seine Mutter sie sehen konnte. Sicherlich würde sie falsche Schlüsse ziehen.
Dann beugte er sich wieder zu ihr, aber hielt sich von ihrer Hand fern, die die seine suchte. Als würde er plötzlich aus dem Dunkeln seines Daseins in ihr Licht treten, das trotz ihrer Krankheit ungetrübt blieb. Jetzt leuchtete es ein einziges Mal für ihn. Das erste Mal. In diesem Moment glaubte er nicht an die Geschichte des Herzinfarkts. Etwas anderes musste ihr widerfahren sein, etwas Größeres. 
Sie lächelte und blickte ihn direkt an, schenkte ihm dasselbe strahlende und warme Lächeln, wie er es von ihr kannte, das sie jedem in ihrer Nähe geschenkt hatte. Das hatte sie nicht verloren.
„Schön, dass du da bist“, sagte sie.