Zwei Wege gekreuzt


Sie saßen im Schneidersitz auf dem Boden, zwei Männer in Anzügen, die Knoten ihrer Krawatten gelockert, der oberste Knopf ihrer Hemden geöffnet. Ihre Jacketts lagen zerknittert im Raum, achtlos abgestreift und abgelegt. Beim Hinsetzen waren ihnen die Hosenbeine hochgerutscht und offenbarten nun die Bünde ihrer schwarzen Socken, die bis über die Fußknöchel reichten, penibel glatt gezogen, und zwischen Hosenstoff und Sockenbund leuchtete die helle Haut ihrer Unterschenkel wie gerade getrocknete Wandfarbe, mit schwarzen Härchen bewachsen, hier und dort die ein oder andere Narbe aus wilden, jungen Jahren. Blaue Äderchen zeichneten sich unter der Haut ab.
Die beiden Männer saßen so, wie sie es als Kinder getan hatten, sich gegenüber, um sich beizeiten in die Augen zu blicken und mehr noch, wenn sie den Kopf und den Blick geneigt auf das Papier richteten, den Schreibpartner aus dem oberen Augenwinkel wahrnahmen, sich jederzeit vergewissern konnten, dass der andere noch genauso anwesend war wie sie selbst und mit den Wörtern kämpfte. So fühlten sie sich wieder jung heute in ihren Schneidersitzen, obwohl es ihnen an den gealterten Körpern ziepte und drückte.
Thomas krümmte seinen Rücken, während er ohne Brille auf einem Papier nachlas, was er geschrieben hatte. Er stöhnte und richtete sich gerade, nur um seinen Oberkörper wenige Sekunden später, erneut in Gedanken versunken, wieder zu krümmen. Manchmal kratzte er eine Stelle am rechten Ellbogen, die nicht aufhören wollte zu jucken. Stefans Hüfte schmerzte an beiden Seiten, rechts unangenehmer als links, wie ein Fremdkörper, der sich um seine Knochen gelegt hatte. Im letzten Jahre hatte sein Vater zwei Hüft-Operationen über sich ergehen lassen. Und ob das nicht zu denken gab, inwieweit dieses Problem vererbbar war. Die Sehne über den rechten Oberschenkel bis zur Kniekehle fühlte sich seltsam gespannt an, wie ein Seil, das reißen konnte.
Später, wenn sie fertig waren, würden beide Männer unter ihren eigenen, doch ähnlichen Schmerzen aufstehen, sie würden sich am Boden abstützen, während sie ihre Beine streckten, und so langsam schwankend nach oben kommen, sie würden ihre Gliedmaßen schütteln, um Taubheit und Schmerz zu verjagen, und sich verfluchen, dass sie schon vor Jahren sämtliche sportliche Betätigungen aufgegeben hatten.
Aber noch waren sie nicht fertig. Mit dem Schreiben hatten sie gerade erst begonnen.

„Wo sind deine Möbel?“, hatte Thomas gefragt, als sie ins Wohnzimmer getreten waren. „Müsstest du mir nicht deinen Prunk und Reichtum präsentieren, damit ich vor Neid erblasse?“
Alles, was er bisher vom Penthouse gesehen hatte, waren großzügig geschnittene Räume, in denen er sich aufgrund der Abwesenheit aller persönlichen Dinge wie ein Bittsteller vorkam, der das Objekt mieten wollte und dafür an einer Führung teilnahm.
Auf dem Boden des Zimmers, in das er geführt wurde, hatte Stefan eine einfarbige, dunkelgraue Decke ohne Muster auf dem Boden ausgebreitet. Dutzende brennende Kerzen auf den Fensterbänken und auf dem Boden, jede in ihrem eigenen, identisch aussehenden Halter, spendeten warmes, unstetes Licht wie zum Ritual einer Sekte. Der Raum war so weit wie leer, dass sich ausreichend Schatten als stumme Beobachter um die beiden Männer scharten.
Das passt zu ihm, dachte Thomas und stellte die Weinflasche, die er mitgebracht hatte, zwischen Kerzen auf die Fensterbank. Der Wein war teurer als alles, was in diesem Zimmer noch zu finden war.
„Ich ziehe um und habe bereits mein sämtliches Hab und Gut wegschaffen lassen. Der Mietvertrag läuft noch bis zum Ende des Monats, also steht das Penthouse für unser heutiges Unterfangen gerne zur Verfügung“, sagte Stefan wie jemand, dem sicher nicht bewusst war, wieviele Menschen in Hamburg und anderen deutschen Großstädten genau das oder Ähnliches gerne über ihre Wohnsituation gesagt hätten, es aber nicht konnten, weil für sie nichts anderes übrig blieb als das, worüber sie bereits verfügten, ganz gleich, wie wenig das sein mochte. „Eigentlich ziehe ich zu Tamara, sie verfügt über das größere Domizil.“ Er breitete seine Arme aus und zeigte in die Richtung, aus der sie gekommen waren, dann ins leere Zimmer, zu den Kerzen an den Fenstern. „Ich hoffe, das alles macht dir nichts aus, Tommy. Für unser Vorhaben brauchen wir doch nicht mehr als ein Dach über dem Kopf und natürlich Papier und Stift, oder was meinst du? Genauso wie es früher einmal war.“
Thomas nickte. Er verkniff sich weitere Fragen, was für ein Objekt Tamara denn bewohnte, warum sie es sich leisten konnte, etwas Größeres als dieses Penthouse zu mieten oder gar zu besitzen, und wer Tamara überhaupt war, dass Stefan mit ihr zusammenzog und mehr als das, sein eigenes Dach über dem Kopf für ein gemeinsames Leben mit ihr aufgegeben hatte. Stattdessen ergänzte er nur: „Und vielleicht ist es unserer Aufgabe durchaus förderlich, wenn wir sie in einer unbequemen Haltung ausführen ohne allzu viel, das uns ablenken könnte.“
Stefan lachte und nahm die Weinflasche von der Fensterbank.
„Aber zuerst öffnen wir diese hier“, sagte er, „ist ja nicht so, als hätte einer von uns ein Alkoholproblem und müsste jeden Tag darum kämpfen, trocken zu bleiben.“
„Nicht in diesem Leben, mein Freund. Da hast du recht.“
„Und du scheinst an nichts gespart zu haben. Von dieser Sorte gibt es nicht mehr viele.“
„Es wurden insgesamt nur vierzig Flaschen abgefüllt. Ein mageres Jahr hatte für einen der besten Weine aller Zeiten gesorgt. Drei sind zerstört worden, vier getrunken, zwölf verschollen. Alle übrig gebliebenen einundzwanzig gehören mir. Wenn wir diese Flasche geleert haben, mein Freund, werden es noch zwanzig sein. Heute feiern wir eine Premiere.“
„Au fein“, sagte Stefan und tänzelte von einem Bein auf das andere, wobei er fast die Flasche losgelassen hätte. „Ich hole nur schnell den Öffner und zwei Gläser. Als hätte ich es gewusst, Tommy, dass wir beide heute hier sein würden. Als hätte ich es gewusst.“
„Du meinst, als hättest du es geplant.“
Wieder lachte Stefan auf und die Schatten in seinem Gesicht lachten mit. „Vielleicht“, sagte er und nickte, „ja, vielleicht ist das so. Jedenfalls hatte ich darauf gehofft, dass du mit mir hierher kommst. Aber wissen konnte ich es nicht. So etwas kann man vorher nicht wissen.“

Jetzt saßen sie nach vorn gebeugt über ihren auf liniertes Papier geschriebenen Texten, noch im Entstehen begriffen, die Flasche Wein hatten sie in der Zwischenzeit, von der sie nicht wussten, wie lang sie gewesen war, geleert und der Rauch von Thomas’ elektronischer Zigarette stieg hinauf in den Raum, nahezu geruchlos, bis er wieder verschwand, als würde er sich durch die Schatten in die Poren der Wände und der Decke verkriechen, um auf einen besseren Zeitpunkt zu warten. Die beiden Männer rangen während des Schreibens um jeden Satz, und gleichzeitig schien jeder Satz, sobald er geschrieben war, genau so richtig, wie er von Beginn an gedacht war zu sein.